3 Biotechnische Entwicklung
4 Züchterische Entwicklung
5 Verbindung mit anderen Organisationen
Geschichtlicher Abriß
Am 1.2.1949 ließ sich Dr. Kurt Tuchlinski in
Marktredwitz als praktischer Tierarzt nieder. Die Praxis wurde vom späteren
Amtstierarzt Dr. Siegle, danach von Dr. Kurt Miller, Dr. Donath und heute von
Dr. Rudloff und Frau Dr. Arnold weitergeführt.
Da in der Nachkriegszeit massiv Deckseuchen
grassierten, war die Fruchtbarkeitslage in den damaligen Rinderbeständen
denkbar schlecht. Dr. Tuchlinski empfahl den Bauern als einzig wirksame
Gegenmaßnahme die Einführung der künstlichen Besamung. In den Gemeinden Lorenzreuth
und Wölsau entschloß man sich als erste zu der modernen Befruchtungsmethode.
Seit dem 1.1.1950 wird in diesen zwei Gemeinden bis zum heutigen Tag der
Rinderbestand über die künstliche Besamung vermehrt. Der Samen wurde zunächst
von dem damals neu gegründeten Besamungsverein Neustadt an der Aisch besorgt.
Die Milchversorgung Marktredwitz bezuschußte damals die Erstbesamung mit 2,-
Mark, um sich auch weiterhin die Beschaffung des Rohstoffes Milch zu sichern.
Zum 15. März 1951 lud der damalige Ortsobmann
des Bauernverbandes Lorenzreuth, Herr Gustav Gläßel, zu einer Versammlung in
der Gastwirtschaft Pöhlmann ("Grüner Baum") in Lorenzreuth ein mit
dem Zweck, eine Besamungsgenossenschaft zu gründen. Herr Direktor Opel vom
Milchhof Marktredwitz leitete als zukünftiger Geschäftsführer der
Genossenschaft die Versammlung. Herr Dr. Kurt Tuchlinski gab die technischen
Erläuterungen. Als erster Vorstandsvorsitzender der neu gegründeten
Genossenschaft wurde Bürgermeister Richard Glaß, Wölsau (Mitglied Nummer 1) gewählt.
Als 2. Vorstand Gustav Gläßel, Lorenzreuth (Mitgl. Nr. 2). Als
Aufsichtsratsvorsitzender konnte Bürgermeister Adolf Rasp aus Korbersdorf
(Mitgl. Nr. 3) gewonnen werden. Weiter Aufsichtsräte wurden Heinrich Rogler,
Brand (Mitgl. Nr. 4) und August Hanold, Marktredwitz (Mitgl. Nr. 8). Neben den
gewählten Ehrenamtlichen traten an diesem Abend von den 42 anwesenden
Landwirten drei weitere Mitglieder der Genossenschaft bei. Dies waren Gottfried
Fickentscher, Brand (Mitgl. Nr. 5), Adolf Purucker, Brand (Mitgl. Nr. 6) und
Karl Reichel, Brand (Mitgl. Nr. 7). Es dauerte über 1 ½ Jahre (bis zum 19.8.52)
bis die 8 Gründungsmitglieder amtlich beim Registergericht eingetragen waren.
Die künstliche Besamung breitete sich im Rahmen der Deckseuchenbekämpfung
schnell aus und fand auch schnell Anerkennung bei den Landwirten, was sich in
den Beitritten zur Genossenschaft abzeichnet. Kurz nach der
Gründungsversammlung traten weitere 50 Mitglieder aus den Gemeinden
Lorenzreuth, Wölsau, Haag, Brand, Haingrün, Thölau, Marktredwitz und
Korbersdorf der Genossenschaft bei (Eintragung 25.9.52). Ca 170 weitere
Mitglieder aus Waldershof, Seussen und Groschlattengrün (Eintragung 17.10.52,
28.10.52, 31.12.52) traten im Folgenden der Genossenschaft bei. Die rasante
Ausweitung der Mitgliedszahlen –insbesondere nach der Einführung der
Samentiefgefrierung ist hier eingehend dargestellt.
In der Anfangszeit wurde die künstliche
Besamung durch die damaligen Amtstierärzte Dr. Lochmüller, Wunsiedel und Dr.
Altmann, Kemnath stark gefördert. Sie erkannten, daß die künstliche Besamung
der einzig richtige Ausweg aus der prekären Situation war. Die Tierzucht, aber
auch das Ministerium in München stand den Bestrebungen im rauhen
Fichtelgebirge, damals am Rande des eisernen Vorhanges, äußerst skeptisch gegenüber
und gaben einer Besamungsstation keine Aussicht auf Weiterentwicklung. So
mußten die ersten Versammlungen zum Teil gegen die Verbände abgehalten werden,
da diese Angst um ihren Zuchtbullenmarkt hatten. Widrige Straßenverhältnisse
waren für die Versammlungen und die spätere Betreuung der Betriebe kein
Hindernis. Mit Lehrfilmen konnte die Besamungs - Technik den Landwirten und
auch den Bürgermeistern vorgeführt werden.
Viele Gemeinden (die ja damals zur
Vatertierhaltung verpflichtet waren, s. Vertrag) und Bullenhaltungsgenossenschaften konnten von der
neuen Technik überzeugt werden und traten der Genossenschaft bei. Lange Zeit
wurde von den meisten Gemeinden die künstliche Besamung auch finanziell
gefördert. Noch heute erhalten die Landwirte in den Gemeinden Kirchenlamitz,
Konradsreuth, Rehau und Selb einen Zuschuß der Gemeinde zur KB. Nach kurzer
Zeit erkannten auch die Zuchtverbände die Chancen, die in der künstlichen
Besamung lagen und arbeiteten mit den Stationen zusammen. Entsprechende
Vereinbarungen wurden schon 1974 geschlossen.
Die steigende Nachfrage führte am 10.1.53 zur
Anstellung des ersten Besamungstechnikers der Station. Herr Ludwig Postner aus
Waldershof hat im Laufe seiner Karriere weit über 125´000 Erstbesamungen
durchgeführt. Am 31.3.1975 trat Herr Postner in den wohlverdienten Ruhestand.
Die Besamungen in Wölsau werden, da von den Tierärzten das Interesse an der
Durchführung der Besamung von Jahr zu Jahr geringer wurde, überwiegend von
Besamungstechnikern durchgeführt.
1967 wurde von Dr. Kräußlich anläßlich der
Vertreter – Versammlung das Besamungs- zuchtprogramm vorgestellt. Die gezielte
Paarung der besten Kühe mit ausgewählten Bullen ist noch heute die Basis des
Zuchtprogrammes. So wurde 1971 für die "Gezielte Paarung" 15 Bullen
ausgesucht. Die ausgesuchten Kühe mußten mindestens einen Zuchtwert von +600 kg
Milch und ansonsten Top sein. Im anschließenden Prüfeinsatz sollen zur
Zuchtwertermittlung mindestens 300 MLP - Kühe besamt werden. Von 18 Prüfbullen
wurden nur 3 positiv geprüfte Bullen erwartet. Es galt daher Wartebullenplätze
zu suchen. Mit dem Anwesen Flügel in Wölsau wurde man für die Zeit von 1971 bis
1977 fündig. Mit dem 1977 gebauten Wartebullenstall wurde die Station auch in
der Bullenhaltung selbständig. 1979 wurde von der Wartebullenhaltung auf die
Samen - Langzeitlagerung umgestellt. Einfacherer Umgang mit den Bullen, bessere
Samenqualität und Kosteneinsparungen sprachen dafür, von jedem Stier 20´000 bis
30´000 Portionen Samen einzulagern und den Stier vor Erreichen seines
Zuchtwertes zu schlachten. Das Verfahren wird noch heute mit den meisten
Stieren an der Station angewandt. Mit den eingelagerten Portionen kann der
Bedarf im Einzugsbereich von Wölsau bis auf wenige Ausnahmen so lange abgedeckt
werden, bis Söhne von dem ausgesuchten Stier zum Prüfeinsatz zu Verfügung
stehen.

Wachsende Besamungszahlen machten es fast nicht mehr
möglich, die statistische Auswertung der Daten und das Rechnungswesen in
traditionellem Sinne durchzuführen. Die Einführung der EDV war unumgänglich. In
dem damaligen Geschäftsführer Dr. Erich Schröder fand sich auch ein erfahrener
EDV-Mann, hat er doch zuvor schon einige Jahre beim LKV in Schleswig-Holstein
auf diesem Gebiet Erfahrungen sammeln können. Die ersten Versuche wurden mit
einem Datenverarbeitungsunternehmen außer Hause gemacht. Es erwies sich jedoch
bald als sinnvoll, ein Softwarehaus zu suchen und die ganze Datenverarbeitung
im eigenen Hause durchzuführen. In der Firma Reck - Software fand sich ein sehr
offener und angenehmer Partner, der auch bereits bei einer anderen Besamungsstation
(Herbertingen) tätig war. Als eine der ersten Stationen in Bayern wurden in
Marktredwitz alle Bereiche im eigenen Hause durchgeführt.
Heute deckt die EDV-Anlage die Bereiche
Besamungsscheindatei (als Herz aller Berechnungen), Bullendatei, Labordaten,
Mitgliederdaten und Angestelltendaten ab. Das ganze Rechnungswesen (Abrechnung
mit den Landwirten, Löhne und Gehälter, Bilanzierung), die Auswertung der
Besamungsdaten (Befruchtungsergebnis der Bullen, Besamungsergebnis der
Techniker, Fruchtbarkeitslage in den Betrieben), die Kommunikation mit den
Banken (zur Abrechnung) und dem LKV (zur Zuchtwertberechnung), und die
Überwachung der Samenproduktion und des Samenlagers sind heute zu wesentlichen
und unentbehrlichen Hilfsmittel in der Führung des Unternehmens
Besamungsstation geworden. Eine schnelle Abwicklung des Rechnungswesens über
Bankeinzug und eine stets aktuelle Übersicht über die wirtschaftlich
wesentlichen Eckdaten der Besamungsstation ist heute nicht mehr wegzudenken.
Daß die Entscheidung zur hausinternen EDV richtig war läßt sich daraus ersehen,
daß mehr und mehr Besamungsorganisationen dem Beispiel Marktredwitz folgten. Da
die ursprüngliche Betreuungsfirma Konkurs anmelden mußte, wurden die
Mitarbeiter von der Firma RuB Software übernommen, die heute mehrere Zucht- und
Besamungsstationen in Deutschland betreut.
Die moderne Zeit der Tierzucht ist gezeichnet
durch entsprechend starke Regeln und Gesetze, die im Hinblick auf den großen
möglichen Absatzmarkt und die sich daraus ergebenden Gefahren für den
Verbraucher auch notwendig sind. Die Grundlage für den Betrieb einer
Besamungsstation ist in Tierzuchtgesetzen, welche sich jeweils auf Länder-,
Bundes- und EG- Ebene bewegen, mit den entsprechenden Ausführungsbestimmungen
und Verordnungen festgelegt. Die daraus resultierende
"Betriebserlaubnis" enthält zur Zeit noch einen sachlichen und
räumlichen Tätigkeitsbereich der entsprechenden Station. Diese Grundfesten
werden mit den geplanten Änderungen zur Liberalisierung in der
Tierzuchtgesetzgebung in naher Zukunft fallen. Im weiteren sind die
hygienischen Bedingungen für die Bullenhaltung, die Samengewinnung, die
Samenaufbereitung und den Samenhandel in einer Richtlinie der Europäischen
Gemeinschaft festgelegt. Die Bedingungen wurden von der Besamungsstation Marktredwitz
schon Jahre zuvor erfüllt. Die EG - Zulassungsnummer (D-KBR 013 - EWG) konnte
deshalb am 13.3.1990 und am 11.2.1994 für die Besamungsstation und am 1.2.1994
für die Embryotransfereinheit (D - ETR 013 - EWG) problemlos erteilt werden.
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Bullen - Körung anno dazumal |
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Um im internationalen Spermahandel mit
entsprechendem Gewicht auftreten zu können haben sich die deutschen
Besamungsorganisationen zu einer gemeinsamen Vermarktungseinrichtung, der
"SPERMEX‘, zusammengeschlossen. Der Kreis der Mitgliedstationen in der
Spermex ist in den letzten Jahren auf die wesentlichen Stationen in
Süddeutschland mit Schwerpunkt Fleckvieh, Gelbvieh und Braunvieh geschrumpft.
Der allgemeine Geschäftsbetrieb der Spermex wird zur Zeit durch das
Zuchtviehkontor München wahrgenommen. Wieweit die Samenvermarktung auch in
Zukunft unter dem Umfeld der "BSE" – Krise eine wesentliche Rolle
spielen wird, wird sich zeigen. Die Geschäftspolitik in Wölsau ist so
ausgerichtet, daß die finanzielle Absicherung allein durch das Zweckgeschäft, die
Besamung in den Mitgliedsbetrieben, gegeben ist. Die Einnahmen aus dem Samen –
Export wurden stets als ein angenehmes Zusatzeinkommen, nie als Standbein,
betrachtet.
Nicht zu vergessen ist die enge
Zusammenarbeit mit den Regierungsstellen. Ohne die große finanzielle
Unterstützung des Freistaates Bayern in vielen Bereichen der Tierzucht
(Milchleistungs- und Fleischleistungskontrolle, LKV, Datensammlung und
-Auswertung, Zuchtwertschätzung, Nachzuchtbewertung, Organisation von
Ausstellungen und Tagungen .... ) könnte die Besamung nicht mehr so
kostengünstig arbeiten. Es sei an dieser Stelle allen Verantwortlichen gedankt
und gleichzeitig die Hoffnung auf eine anhaltende Unterstützung zum Wohle der
bayerischen Landwirtschaft ausgesprochen.
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Bullenpräsentation am 1. Mai auf der Wiese |
Bullenpräsentation am 1. Mai im Hof |
Die Themen der Vertreterversammlung und die
im Mitteilungsblatt veröffentlichen Artikel spiegeln das Umfeld in Agrar- und
Zuchtpolitik. Sie sind aus diesem Grunde auch auf einer neuen Seite
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